Hier die aktuelle Linkedin-Serie von Klaus Eidenschink
Coach sein - statt coachen (wie eine KI)
Hier finden sich alle bisherig erschienenen Teile der aktuell auf Linkedin laufenden Posting-Serie von Klaus Eidenschink Ein kleiner Service für alle, die gelegentlich mal einen Sonntagspost - immer um 7.30 Uhr - verpassen.
Teil 1: Was man in Zukunft können muss
Coach sein (Teil 1): Was muss man in Zukunft können?
Ich staune, wie viele Interessent:innen an unseren Fortbildungsgängen - fast 100 Seminare im Jahr! - in Sorge sind, dass personenorientierte, psychodynamische, emotionskompetente und systemtheoretisch fundierte Beratung obsolet werden könnte. Ich halte das Gegenteil für wahrscheinlich.
Gleichzeitig verstehe ich manche Sorgen. Es wird z.B. alles überflüssig werden, was KI besser, billiger und ausdauernder kann. Imgrunde ziemlich viel von dem, was am Beratungs- und Therapiemarkt angeboten wird. Gute Reflexionsfragen stellen? Kann KI. Skalierungsfragen einbringen? Kann KI. Lücken in der Selbstauskunft identifizieren? Kann KI. Zielerreichungsvorschläge und Handlungskonzepte vorlegen? Kann KI. Ungünstige Muster von Reaktionswahrscheinlichkeiten benennen? Kann KI. Vorschläge zum Aufbau neuer Fertigkeiten oder Umsetzen getroffener Vorsätze machen? Kann KI. Persönlichkeitsmuster identifizieren? Kann KI.
Alles, was berechenbar und über Stochastik bewertbar ist, dafür braucht es kein menschliches Gegenüber mehr.
Hingegen: Alles wofür es Kreativität, Resonanz, Präsenz, Einzelfallbearbeitung, Weisheit, Berührung, Rührung, Herz, Nerven, Anteilnahme, Unabhängigkeit, Begegnung, Konfrontation, Wahrnehmung, Körperlichkeit, Einzigartigkeit, Verletzlichkeit, Tränen, Lachen, Erschrecken, Mitschwingen, Umarmungen, Unerbitterlichkeit, Entscheidung und Liebe braucht, dafür braucht es entsprechend ausgebildete Coaches, Therapeuten und Berater. Das ist das eine.
Das andere ist: Es braucht Coaches, die Menschen unterstützen können, die mit den destruktiven Aspekten der KI nicht zurecht kommen. Die psychischen Schäden, die KI hervorrufen bzw. verstärken wird - so wie der Buchdruck Ängste, das Fließband Depressionen und SozialMedia narzisstische Nöte gefördert haben -, wird viele Menschen an die Grenzen ihrer Verarbeitungsmöglichkeiten bringen. Etwa Pseudonähe für Nähe halten oder Anspruch auf Allverfügbarkeit von anderen (wie ein Säugling). Der Bedarf an kompetenter Beratung hierfür wird steigen, weil KI kann die destruktiven seelischen Effekte, die sie begünstigt, nicht selbst „heilen“. Um solche Beeinträchtigungen zu erkennen, ist menschliche Kompetenz unabdingbar.
Im Laufe der nächsten Wochen und Monate werde ich - frei nach dem Motto: „Machst Du eine Intervention oder bist Du eine?“ - über die Mittel und Wege schreiben, was es heißt Coach zu sein und zu werden statt Coaching(tools) anzuwenden. Niemand braucht in Zukunft menschliche Interventionsspendeautomaten. Das kann KI besser.
Was es aber heißt, sich
- eine Form der Präsenz, die wirkt,
- eine Form der Begegnung, die hält,
- eine Form der Unbestechlichkeit, die trägt,
- eine Form der Zugewandtheit, die im Herzen wohnt,
zu erarbeiten, ist eine ganz andere „Hausnummer“.
Das braucht Mut. Denn der Weg dorthin ist nicht leicht.
Das braucht Durchhaltevermögen. Denn der Weg dorthin, hält für jeden Abschnitte bereit, die zur Umkehr und zum Abbruch drängen.
Teil 2: Kreativ sein (14.6.26)
Damit Coaching sich ereignen kann, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen. Ich beginne heute mit Kreativität. Diese ist allerdings nicht zu begreifen, ohne etwas von Bezogenheit, Präsenz, Absichtslosigkeit, Resonanz und Vitalität zu verstehen. Das sind die Themen der nächsten Wochen. Erst am Ende kann man den heutigen Anfang ganz erfassen.
Kreativität hat zwei Voraussetzungen.
Erstens braucht sie einen Rahmen, in dem etwas entstehen kann. Man zieht eine Leinwand auf und holt Farbe und Pinsel dazu. Man spannt ein leeres Blatt in die Schreibmaschine, man holt Menschen in einem Open Space zusammen, etc.
Im Coaching braucht es als Rahmen einen Raum, der es ermöglicht, sich wechselseitig wahrzunehmen. Üblicherweise ist das ein Zimmer mit Stühlen. Mehr ist an Vorbereitung für Kreativität nicht nötig. Wer vor dem Gespräch schon weiß, was er vorhat, coacht in meinem Verständnis nicht mehr, sondern „bespricht“, „behandelt“ oder „belehrt“ jemanden. (Außer man knüpft an die letzte Stunde an.) Auf das konkrete Coaching kann und darf man sich nicht fixiert vorbereiten. Sonst folgt man einem Plan und ist mit der Umsetzung des Vorhabens beschäftigt - aber man ist weder mit sich, noch mit dem Coachee noch mit Bezogenheit zu Gange.
Ich verstehe damit Coaching als Kunst und nicht als Anwendung einer Theorie. Der Zusammenhang von Theorie und Praxis ist hier kein Umsetzungsverhältnis. Man wendet nicht an, was man weiß, sondern das Wissen ermöglicht Ereignisse, die sich nur finden lassen, wenn man Augen, Ohren und alle andere Sinne dafür hat. Sonst wird Coaching zum Malen nach Zahlen. Die Frage „Was muss ich nun als nächstes tun?“ ist der sicherste Hinweis, dass man nicht coacht, sondern mit den eigenen Leistungsansprüchen beschäftigt ist.
Damit sind wir bei der 2. Voraussetzung für einen kreativen Prozess, in dem Neues entstehen kann. Sollen die Muster der Selbstregulation des Klienten sich verändern, dann braucht es einen gemeinsamen Prozess der Bezogenheit von Coach und Coachee. Die Intervention taucht aus dem seelisch-kommunikativen-wahrnehmenden Tanz beider (!) Personen auf. Die Wahrnehmung des Neuen entsteht, man kann sie nicht machen.
Stattdessen muss man vertrauen, dass einem etwas einfällt und der Coachee es aufgreift. Wenn einem bei dieser Art zu coachen nichts einfallen, dann wäre das in sich ein Hinweis auf das Thema des Klienten. Denn es gibt Menschen, in deren Anwesenheit jede Kreativität erstirbt.
Damit ist eigentlich schon erklärt, dass KI nichts NEUES in den Kontakt einbringen kann, denn sie errechnet aus Altem etwas, an das das Gegenüber anknüpfen WILL. Was man will (und was man versteht), ist aber immer das Bekannte und Bewusste. KI limitiert mangels Wahrnehmung und Bezogenheit also die Zukunft auf die Vergangenheit. Emergente Kreativität braucht den Möglichkeitssinn. Keine Informationsfülle.
Ein Grundpfeiler einer profunden Coachingausbildung ist demnach das Begreifen von Coaching als kreativen Prozess.
Teil 3: Absichtslos sein (21.6.26)
Es mutet fast verrückt an, dass es essenziell sein soll, als Coach absichtslos zu sein. Ist doch das Dienstleistungsversprechen meist bessere Zielerreichung oder Rollenperformance.
Das liegt daran, dass Absichtslosigkeit oft missverstanden wird. Es hat nichts damit zu tun, nichts zu wollen oder anzustreben, sondern damit, mit dem, was man will oder wo man hin will, nicht identifiziert zu sein. Das, was man tut - also etwa eine Intervention im Coaching - hat natürlich eine Absicht. Sonst wäre es beliebig.
Fehlende Absichtslosigkeit merkt man daran, wie man reagiert, wenn sich Erwünschtes ereignet. Gefällt es mir? Glaube ich voran zu kommen? Bin ich stolz auf mich? Oder im Fall des Unerwünschtem: Ärgere ich mich? Versuche ich mit anderen Mitteln zum selben Ziel zu gelangen? Bin ich enttäuscht? Habe ich das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben? Will ich es besser machen? Habe ich Angst, dass der Klient mich schlecht findet?
Beantwortet man auch nur eine dieser Fragen mit Ja, dann coacht man nicht mehr, sondern ist mit sich und seinen Vorstellungen und Absichten beschäftigt - aber ganz sicher nicht mehr (in diesem Zeitraum) mit dem Coachee. Man ist mit "like" oder "dislike" beschäftigt und damit nicht mehr absichtslos und in Resonanz.
Eine solche Absichtslosigkeit zu erlernen, ist kein Schnellschuss. Das setzt zweierlei voraus:
> Eine intensive Auseinandersetzung mit eigenen Idealen und Selbststabilisierung durch Wirksam-sein-wollen. Das ist Arbeit an Kernprozessen der eigenen Person. Viele wissen noch nicht einmal, dass sie solche tiefliegenden inneren Muster haben. Etwas „gut“ machen wollen, ist zum Beispiel ein solches Muster. Lernen ist nämlich das Gegenteil von Können müssen.
> Man muss merken, wenn Klienten das sagen, tun oder fühlen, wovon sie annehmen, dass es dem Coach(!) gefällt. Unbewusste Anpassungsprozesse des Klienten identifizieren zu können, setzt voraus, dass man in der Ausbildung von den Lehrenden damit konfrontiert wurde.
Wie soll eine KI Absichtslosigkeit anbieten, wenn sie darauf programmiert ist, eine Antwort zu liefern, mit der der Fragende zufrieden ist und gleichzeitig motiviert wird, eine Folgefrage zu stellen? Wenn Kundenzufriedenheit und -bindung die grundlegende Programmierung darstellen - und das muss so sein, sonst bricht das Geschäftsmodell zusammen -, dann ist Absichtslosigkeit ausgeschlossen. Damit passt sich die KI zwangsläufig an die manifeste wie latente Erwartungsstruktur des Fragenden an und bewegt sich so im bestehenden Bezugsrahmen des Klienten.
Nur wer absichtslos da ist, kann in Ruhe auswerten, was die Reaktion des Coachees bedeutet und sie in ihrem Wert entschlüsseln. Die impliziten(!) Seinsweisen des Klienten aufnehmen und auswerten, wie sich diese auswirken, kann nur ein Gegenüber, das keinen Erwartungsdruck aufbaut und gleichzeitig(!) selbst keine Erwartungen hat. Eine Maschine kann das nicht, weil sie Vorgaben braucht, um ihre Rechenvorgänge zu ordnen.
Teil 4: In Resonanz sein (28.6.26)
Ab dem 28. hier zu finden...
Teil 5: Vital sein (5.7.26)
Wer mit Computern chattet, der lacht und weint meist hemmungslos - oder etwa nicht? Ironie beiseite und blanker Ernst: So leblos, gestelzt, gekünstelt, zurechtgemacht und steif manche Menschen sich als Berater, Therapeuten und Coaches benehmen, ist der Computer der reine Spaßvogel.
Der Zugang zur eigenen Vitalität, zur Unbefangenheit freier innerer Impulse, zur Intensität von Herzenswärme, zur Klarheit von Kraft und Wille, zur Präsenz als Mann oder Frau oder Divers, verschafft dem Coach die Wirkung, die der Klient braucht, um seinerseits die Rolle, die er/sie innehat, mit Lebendigkeit zu füllen. Wie soll jemand der befangen ist, jemanden anders gut coachen, der befangen ist?
Das klingt nun so schön. In unseren Ausbildungen machen wir allerdings immer wieder die Erfahrung, dass es gerade die eigene Lebendigkeit und Intensität in Summe ist, die vielen Teilnehmer:innen Angst macht. Kontrolle ist scheinbar alles. Über die Stränge schlagen, anderen zuviel zu sein, vorlaut, gierig oder dränglerisch zu sein - damit haben viele schlechte Erfahrungen gemacht. Entsprechende innere Hemmungen und Verbote bevölkern die Seelen.
Diese Themen zu klären ist höchst relevant - sowohl für den Erfolg in der Arbeit als Coach als auch für den Erfolg, Coaching gut verkaufen zu können. Ohne persönlich in „Erscheinung“ zu treten, bleiben die Aktivitäten im Coaching zu blaß. Man bleibt nicht in Erinnerung, hinterlässt keinen „Ein-druck“. Wie auch, wenn der Treibstoff gedrosselt ist?
Die Arbeit an Vitalität muss daher Teil dessen sein, was man in einer Coachingausbildung erwarten darf. Da der Level an Lebendigkeit so gut wie immer Teil dessen ist, an das man sich gewöhnt hat, braucht es Impulse von Außen, um dieses Gewohnte in Frage zu stellen. Deshalb treten wir gelegentlich unseren Teilnehmer:innen auf die Füsse. Auch wenn das mal schmerzt und man die Fassung verliert.
Fassung bewahren ist ein Vitalitätsdämpfer aller erster Güte. Der Kernprozess im Hintergrund ist meist Scham. Die Psychodynamik der Scham zu erleben und bearbeiten zu können, ist für Coaches absolut entscheidend. Gerade weil unsere Kultur von Schuld auf Scham umgestellt hat.
Die KI ist darauf getrimmt, Beschämungen zu vermeiden. Daher das Dauerlob. Keine KI kann Scham auslösen und dann bearbeiten nach dem Grundsatz „Disrupt and repair!“ Solange die Beziehung glatt läuft, kommen die wesentlichen Themen gar nicht auf den Tisch. Permanentes Wohlwollen und Wertschätzen umschifft also die Klippen seelischer Untiefen. Dann fühlen sich alle wohl, aber niemand lernt damit umzugehen, wenn es heiß wird und alle die Luft anhalten. Dann zeigt sich, ob man in einer Ausbildung etwas lernt, was man dann im Alltag auch wirklich braucht.
Coaching braucht Lebendigkeit und damit die Hitze des Küchendampfes. Nett sein und mit Augenmaß formulieren, kann KI deutlich besser und ausdauernder. Wer Coach sein will, muss auch im Gefecht bestehen können.
Teil 6: Präsent sein (12.7.26)
coming soon
Teil 7: Unbequem sein (19.7.26)
Heute wird es unbequem, denn es ist nie bequem unbequem werden zu müssen. Müssen? Ja! Warum?
Ganz einfach: So gut wie alle Probleme sind Folgen eines inneren Musters. Dieser Bezugsrahmens ist zum hohen Teil nicht bewusst, sondern in emotionalen und leiblichen Reaktions- und Handlungsschemata ausgeformt und verkörpert. Daher suchen Klienten die Verbesserung so gut wie ausnahmslos INNERHALB dieses Denk-, Fühl- und Überzeugungsrahmens. Soweit ist das ja weit verbreitetes Wissen.
Es ist unangenehm, wenn eine andere Person den eigenen Bezugsrahmen in Frage stellt - auch wenn man vorher seine Einwilligung gegeben hat. Es regt sich Empörung, Scham, Angst. Empörung, weil Werte verletzt sind, Scham, weil man nicht das ist, was man sein wollte und will, Angst, weil Sicherheiten und Orientierung verloren gehen.
Nun kommt der Coach ins Spiel. Für diese und diesen wird es nun ebenfalls unbequem. Denn er muss ein Beziehungsrisiko eingehen. Konfrontieren mit etwas, das dem Unbewussten (!) zuwiderläuft, beinhaltet immer die Möglichkeit, dass der Coachee einem das übelnimmt, sich unverstanden fühlt, das Gesagte unmöglich findet oder andere (verständliche aber nicht hilfreiche) Reaktionen an den Tag legt.
Ob das nun hilfreich ist oder nicht, hängt immer an der Passung der Konfrontation. Es kann über- wie unterdosiert sein. Das kann niemand vorher (!) wissen. Daher bleibt nur ein Ausprobieren und das damit einhergehende Risiko. Nun gibt es drei Möglichkeiten. Entweder es passt. Dann ist alles prima. Oder es war „zu wenig“, dann muss man „nachlegen“. Oder es war „zu viel“, dann entsteht eine Beziehungsstörung.
Letztere ist das Wichtigste. Denn kein Therapeut oder Coach kann ideal sein. Es gilt der Grundsatz „disrupt and repair!“. Man muss die Störung erkennen und ein Kontaktangebot machen, das die Störung beseitig und (!) das Unbequeme aufrecht erhält. Als Coach muss man den Riß auszuhalten und in der Lage sein, diesen im Kontakt wieder zu kitten, ohne deshalb inhaltlich zurückzurudern. Das ist Millimeterarbeit und basiert auf wechselseitig feinster Wahrnehmung nonverbaler und atmosphärischer Signale.
Es leuchtet unmittelbar ein, dass keine KI diese Signale aufnehmen kann und ja auch nicht intervenieren kann, wenn der Klient den Chat beendet. Sie wird abgeschaltet. Ohne solche Dirupt-Situationen können aber die wichtigsten Themen in einem Coaching nie bearbeitet werden, da diese sich eben häufig an Bezogenheitsschwierigkeiten entfalten oder auch an der Schwelle zum Kontaktabbruch entwickeln.
Diese Art unbequem zu sein, ist einer der Grundpfeiler von Coach-Sein. Dazu muss man es auch selbst als Klient erlebt haben, was es bedeutet kann, wenn einem jemand liebevoll zu nahe oder eben auf die Füße tritt. Unbequeme Interaktion ist unerlässlich, um so lebendig zu werden, wie es die meisten beruflichen Rollen heutzutage erfordern und was man braucht, um selbst in diesen Rollen zufrieden zu bleiben.
Teil 8: Verletzlich sein (26.7.26)
Ab dem 26.!
Klaus Eidenschink ist Seminarleiter am Institut
Wir haben über lange Jahre unser integratives Beratungskonzept entwickelt und theoretisch fundiert. Die Grundzüge dieser Metatheorie der Veränderung stellen wir auf einem eigenen Web-Portal dar. Dort finden Sie viele unserer Publikationen und Texte zum Download.
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